MOTIVATION DURCH SYSTEMATISCHEN AUFBAU

WingTsun Welt 26 (2002)



Da ich seit Ende 1980 ein WT’ler - und leider auch mit diesem Fall besonders vertraut - bin (da einer der Haupt-protagonisten ein Ex-Schüler von mir ist), komme ich nicht umhin auch hierzu meinen eigenen Senf zu geben.

Der Sinn und Zweck dieser Zeilen hat nichts mit einer ‘Abrechnung mit der Vergangenheit’ zu tun, sondern richtet sich auf die ‘erstrebenswerte zukünftige Weggestaltung’. Zu den ersten drei Seiten des für mich wahrlich (groß)meisterhaften Erklärung meines Si-Fu vermag ich absolut nichts hinzuzufügen, ausser vielleicht meiner uneingeschränkten Zustimmung auf allen angesprochenen Ebenen.

Kommen wir also zur vierten Seite, zu der (m)ein Statement ja eigentlich gefragt wurde. Die recht provokative Fragestellung gibt ganz ohne Zweifel Anlass zum eigenen Nachgrübeln. Die These von der ‘Ent-Tabuisierung’ ist in der Tat nicht neu und vieles spricht auch für sie. Ob sie jedoch ebenso für die weitere Entwicklung unseres WT-Standards richtungsführend sein kann und soll, darf nur äusserst sorgfältig abgewogen werden, da ein eventuelles Rückgängigmachen so gut wie ausgeschlossen ist.

Worin liegt eigentlich unsere professionelle und ethische Hauptverantwortung als ‘Lehrkörper’ und ‘Leitfigur’? Sollen wir (‘YAU-mässig’) den natürlichen Neugiertrieben unserer Schüler wider besserer Erkenntnis ‘des lieben Frieden Willens’ nachgeben? Oder sollen wir (‘GONG-haft’) auf unserem althergebrachten Regeln beharren, sei es nun im Namen einer (Selbst-)Gerechtigkeit oder unter dem Deckmantel der Geheimniskrämerei? Wo liegt hier der goldene Zwischenweg? Und ist dieses Thema überhaupt vom allgemeinen (Laien-)Interesse, oder verwenden wir einfach zuviel Hysterie auf ein Gebiet, welches nur einige wenige Martial Art-Hardliner überhaupt kratzt?

Fragen bringen Antworten und werfen dabei weitere Fragen auf. Für jedes Pro finde ich zwei Contra und für jedes Nein zwei Ja. Auf die logisch analytische Art vermag ich keine befriedigende Antwort für mich zu finden. Also bleibt mir nur der Weg von der Observation (meiner eigenen Erlebnisse) über die Reaktion (meiner Erfahrungswerte) um zu einer mehr brauchbaren Aktion (meiner Schlussfolgerung) gelangen zu können. Ist die vielleicht so zu erlangene ‘Gleichgültigkeit’ (mit Betonung auf ‘Gleich’) innerhalb der EWTO für uns-selbst das wahrhaft Erstrebenswerte? Und kann diese Form der ‘Los-Lösung’ nicht auch andere (noch unüberschaubare) Probleme, zum Vorschein bringen?

1. Gedankenwirrwarr bezüglich meiner Rolle als WT-Schüler:
Ein nicht unerheblicher Teil meiner Langzeitmotivation stammt aus dem systematischen Aufbau des WT-Unterrichtsweges. Zu wissen, dass man bei einer definierbar guten Leistung durch Fleiss und Anstrengung zu Programmen Zugang erhält, die nicht für ‘Jedermann’ sind, übte immer einen starken Anreiz auf mich aus. Schon mal dilettantisch mit den WT-Waffen rumzufuchteln mag zwar eben den Beteiligten Spass machen - aber es nimmt dem Ganzen ‘seinen Zauber’. Zumal wir ja keineswegs mystifizieren. Jeder, der die Bereitschaft mitbringt den erprobten Ausbildungsweg zu gehen, kann früher oder später bis in das höchste Programm vordringen.

Trends kommen und gehen. Natürlich können wir unsere schnellstlebige Zeit nicht ignorieren, aber wir müssen uns ihr auch nicht unbedacht, ohne Rücksicht auf Verluste, beugen.
Nicht zuletzt zeigen Umfragen, dass, nach einer Zeit der Oberflächlichkeit, des ‘One Night Stance’ und der Quantität jetzt eher ‘alte Werte’ wie Vertrauen, Treue und Qualität erwünscht sind.

2. Gedankenwirrwarr bezüglich meiner Rolle als WT-Lehrer:
Nur ein verschwindend geringer Teil meiner To-Dai macht sich über den WT-Waffenaspekt Gedanken. Der Grossteil vertraut darauf, dass wir sie gemäss des bewährten Programmes unterrichten. Die Teilnehmer einer WT-Probestunde würden eine SNT-Anwendung gegen einen Angriff genauso wertvoll finden wie eine Puppenanwendung, so lange sie funktioniert.
Das WT-Waffenprogramm frei zugänglich zu machen, würde ein paar meiner ‘hardliner’ Schüler zweifellos gefallen, der Grossteil würde es jedoch lediglich als optionelle Gegebenheit hinnehmen. Es ist ja nun keinesfalls so, dass wir umfangarme SG- en TG Programme hätten, welche eine Anfüllung bedürfen. Im Gegenteil eine Vorzeitige Konzentration auf die Waffenprogramme kann nur auf Kosten der waffenlosen gehen. Auch hier bedenke man die zur Verfügung stehenden Unterrichtszeit. Der Grossteil der WT-Schüler kann nicht täglich mehrere Stunden einer Kampfkunst (und sei sie auch noch so faszinierend) widmen.

3. Gedankenwirrwarr bezüglich meiner Rolle als WT-Landesvertreter:
Einer der Hauptverbreitungsfaktoren des WT ist sicherlich in seiner alltäglichen praktischen Anwendbarkeit begründet. Es bereitet mir Freude meine Schüler mit dem Rüstzeug zu versehen, welches ihnen ihre individuelle Lebensqualität zu verbessern hilft. Ob eine freie Verfügbarkeit der WT-Waffen mir dabei helfen kann, wage ich ganz einfach zu bezweifeln. Auch wird mir diese Wahl entnommen, da der Schüler dann ja ‘ein Anrecht’ auf das WT-Waffenprogramm hat - ob es nun gerade in meine Unterrichtsplanung passt, oder nicht, sonst wechselt er halt zum Nächsten.
Ausserdem gibt es bei uns hier in Holland einige WC-Schulen in denen schon seit mehr als zehn Jahren den Anfängern (selbstgestrickte) Doppelmesser-Techniken beigebracht werden, ohne dass es ihnen einen besonderen Zuwachs oder uns eine merkliche Abwanderung beschert hätte. Manche Interessenten (und deren Eltern!) schreckt es sogar regelrecht ab, wenn sich gewisse Leute vor ihnen zu diversen Waffen-Theorien auslassen.

Auch dem Anfänger helfen die WT-Kraftprinzipien im Vorfeld und die WT-Kampfprinzipien wenn’s brenzlig wird. Einer Person die waffenlosen WT-Techniken und -Konzepte zu vermitteln ist immer ein gewisser Akt des Vertrauens. Und welchen Nutzten bringen die hohen WT-Waffentechniken einem relativ unerfahrenen Schüler? Wird die angegriffene Person in einer Selbst-Verteidigungssituation auch wirklich in der Lage sein die zwingend tödlichen Bewegungen einzusetzen? Hat sie dann überhaupt gerade Zugriff auf die WT-Waffen? Und wie sieht die Notwehrrechtliche Seite dabei (besser gesagt danach) aus?

Wurden denn nicht gerade das BlitzDefence Programm von GM Prof. Kernspecht entwickelt, um vor allem die psychologischen und juristischen Belange der Anfänger REALISTISCH zu berücksichtigen?

Und wie würde die Zukunft unserer zweiten Disziplin, dem EscrimA aussehen? Wurde unser Partner-Stil nicht extra zur Befriedigung der legitimen Waffen-Neugier eingeführt und ebenso konsequent weiterentwickelt? Gibt es denn wirklich soviel ‘WT-Waffennarren’ unter den WT’lern, dass sich ein solch drastischer Eingriff in die (nicht willkürlich erstellte) EWTO-Unterrichtsstruktur überhaupt lohnen und rechtfertigen kann?

Desweiteren bleibt natürlich die Frage, ob eine solche Situation zu einem solchem Zeitpunkt forciert werden sollte. Eine Änderung vorzunehmen, weil die gewachsene Erkenntnis es erfordert, ist eine Sache; sie durchzuführen, weil einige Querdenker es für ihr Ego erfordern, eine ganz andere. Es würde ihnen sogar in die Hände spielen. “Seht ihr, wir haben also doch recht gehabt, sie wollten die WT-Waffen die ganze Zeit einzig und allein aus Geschäftsgründen zurückbehalten - und wir sind die Guten...” So - oder so ähnlich - würde es dann unvermeidbar ertönen.
Um ein eventuelles Abwandern einiger ‘Hardliner’ damit zu begegnen, ihnen genau das zu geben wonach sie so trachten, scheint mir keine ehrenvolle Angelegeneheit. Früher oder später wandern sie doch ab - nur dann halt noch cleverer. Da immer genau das getan wird, was im Endeffekt (direkt oder indirekt) belohnt wird, macht es keinen wirklichen Sinn einen Strukturwechsel deshalb vorzunehmen, weil es unsere ‘Ehemaligen’ mit ihren mehr oder weniger sinnentleerten Fantasie-Programmen so vortanzen.
Wo soll diese Art der Adaptions-Akzeptanz eigentlich hinführen?
Bisher hat die EWTO keinen Trends nachgehetzt, sonden selbst Trends gesetzt - und so sollte es meiner Meinung nach auch weiterhin sein.

Aber es bleiben nach meiner Ansicht einfach noch zu viele Fragen offen, um hier nun schon direkt eine definitive Ent-Scheidung treffen zu können. Müsste ich mich dennoch nun ‘adhoc’ festlegen, wäre ich wohl wegen meiner obigen Bedenken eher gegen eine ‘Freischaltung’ der WT-Waffen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich-selbst auch als ‘niedriger graduierter’ WT’ler (also ohne den ‘PG-Waffenschein’) ebenso denken und fühlen würde, da ich 1982 als SG bereits mit einer ähnlichen Frage konfrontiert wirde; auch da wurden Waffen als Lockmittel eingesetzt.

Ich möchte zum Abschluss Sifu Andreas Gross beipflichten, der bei unserer letzten PG-Diskusion nochmals auf die so überauswichtige Vorbildfunktion des WT-Lehrers hinwiess. Nicht der Zugang zu den WT-Waffen macht den Unterschied in der EWTO, sondern der Zugang zur Lehrfähigkeit! Unser Focus sollte also weniger auf eine etwaige Umschichtung der bestehenden (und langbewährten) Unterrichtsprogramme gerichtet sein, als auf die eventuell verstärkte Ausbildung charakterlicher ‘Lehrerqualitäten’. Und diese, sollen sie auch fruchten, können laut Konfuzius im Wesentlichen nur vom Schulleiter selbst vorgelebt werden.

Meine ‘CoreMunication-line’ bleibt jedenfalls geöffnet.


Amsterdam, November 2002

Sifu Frank Schäfer, 6. PG
WT-Cheftrainer Niederlande
Gründer NWTO, Managing Director SCD b.v.