DAS 25-JAHRE-EWTO-SPEKTAKEL IN HOCKENHEIM

WingTsun Welt 25 (2001)



Sifu Frank Schäfer, 5. PG und Nationaltrainer der Niederlande, brachte seine Eindrücke zu Papier.

Nun, ich könnte leicht 20 Seiten über diese Veranstaltung schreiben, aber dafür fehlt wieder einmal das kostbarste aller Güter, die Zeit. Aber es war einfach zu bedeutend, um nicht zumindest ein bisschen Zeit dafür frei zu machen.

Ich habe während meines WT-Lebens (mittlerweile schon 21 Jahre) schon fast nicht mehr zu zählende Evenemente miterlebt, wovon jedes seinen eigenen Charme besass. Die am einduckvollsten waren zeker, die 50. Geburtstagsparty von Grossmeister Leung Ting in Hong Kong, die EWTO-Einführung in London und das Millennium-Happening in Cape Town. Momente die unauslöschlich in meiner Erinnerung verankert bleiben und an die ich immer wieder gerne zurückblicke.

Die Erwartungshaltung war hoch aber durchaus realistisch. Ich erhoffte mir, dass die Anniversaryparty eine ‘würdige Ergänzung’ sein sollte. Es würde für mich und Lady-Sifu mehr ‘vom (natürlich wunderbaren) Selben’ sein. Man kann mich nicht mehr so schnell durch Partys beeindrucken. Auch auf die Gefahr hin, etwas arroganrt zu klingen (was wirklich nicht so gemeint ist): Ich war in der Vergangenheit zu soviel (nicht WT-bezogenen) Happenings eingeladen, dass ich schon wirklich viel gesehen habe. Also konnte ich mir kaum vorstellen, dass das Event ausserhalb des Spassfaktors ein gewissen Impakt auf meine Person haben könnte.

Aber schon allein davon ausgegangen, dass die ‘GREAT 4’ anwesend waren (GGM Leung Ting, GM Keith R. Kernspecht, GGM Rene Latosa en GM Bill Newman) konnte es in keinen Fall ein Reinfall werden. Auch die geladenen Ehrengäste, die ausserhalb der direkten WT-Familie stammen (Sunthus Supasturpong - der es uns strikt untersagte ihn ‘Meister’ zu nennen -, Geoff Thomson - bei dem mein To-Dai Marco Dignum schon ‘zu Besuch’ war-, Karl Koch - von dem ich schon vor vielen Jahren von Si-Fu die nahezu unglaublichsten Anektoten gehört hatte -, Klaus Härtel - eine fast unglaubliche Mischung zwischen traditionellen Kampfkünstler und modernen Showcatcher, ein wirkliches Urgestein - und auch Hawkins Cheung - Schüler von Altmeister Yip Man, Mitschüler von Bruce Lee und Lehrer von Dan Inosanto -) wollte ich keinesfalls verpassen.

Dass ich nicht ‘nur’ mit Lady-Sifu Petra auf diesem bedeutenden Event stellvertretend für die NWTO zugegen sein wollte, ist Ehrensache. (Hier kommen wir dann auch zum einzigen Wehrmuts-tropfen, da durch Zimmermangel unsere Teilnehmergruppe auf 16 schrumpfen musste.)

Und das konnten wir während der vier Lehrgangstage erleben:

Das Thema ‘Catchen und Wrestling’ hielt Klaus Härtel, 8. Dan Jiu-Jiutsu und charismatischer Showcatcher mit seinem Team. Er erläuterete in seiner unnachahmlichen, sehr sympathisch-robusten Art und Weise u.a. den Unterschied zwischen Judo, Jiu-Jitsu, wrestling und catchen. Die Praxisübungen machten einen riesigen Spass, wussten doch alle, dass es hier nicht um das ernste Gebiet der Körperverletzung geht, sondern um einen Showact, der mir durch den intuitiven Ablauf des vorhergeplanten Grundschemas einen etwas grösseren Respekt vor den Leistungen dieser Showmänner ‘abrang’ als erwartet. Klaus Härtel ist ganz einfach ein Urgestein, etwas was es so eigentlich nicht geben kann; ein Parodoxon, jemand der den Grundsatz von ‘wo eine Kraft/Tradition ist kann eine andere nicht sein’, irgendwie auf den Kopf zu stellen scheint. Er vereint das unvereinbare. Kurz: Es war ein echtes Erlebnis, mit ihm in persönlicher Interaktion zu sein.

Für das Thema ‘Thailändische Selbstverteidigung’ war kein geringerer als Sunthus Supasturpong geladen, auch er kam mit tatkräftiger Unterstützung. Er stellte die Teilnehmergruppen jeweils vor die Wahl, Konzeptverständnis oder eine Technikenauswahl zur Verfügung zu stellen. Als PG war ich natürlich sehr froh, dass die (knappe) Mehrheit in meiner Gruppe für das erste war.
In bescheidener aber absolut nicht misszuverstehender seriöser Weise erläuterte er ‘seine’ Sicht der Dinge. Auch hätte ich nicht bereits vor vielen Jahren aus dem privaten Videoarchief meines Si-Fus Herausforderungskämpfe gesehen in der dieser Thai körperlich weit überlegene Kämpfer in wenigen Sekunden vernichtend besiegte, sagt mir mein fein abgestimmtes Radar: ‘Vor dir steht kein Kämpfer, sondern ein Krieger.’ Sunthus ist ein Mann des Wortes und der Tat, ohne Zweifel und wer so dumm ist zu denken, dass er ihn herausfordern könne, weil Sunthus kein WT-Mann ist, wird sich furchtbar überrascht sehen.

Kommen wir zu meinem ‘ewigen Hobby’, dem Escrima. Eine Disziplin die weitaus mehr meiner Trainingszeit verdient hätte. Vor fast 14 Jahren machte ich meine Prüfung zum 12. SG, konnte meine TG-Ausbildung aus Zeitgründen, obwohl ich trachtete den Kontakt in Holland (durch Lehrgänge) nie ganz zu verlierten, bisher nicht vollständig abschliessen, irgendwann werde ich das jedoch wahrscheinlich noch nachholen.


Wie auch immer GGM Rene Latosa und GM Bill Newman bewiesen wieder einmal dass nur Latosa-Escrima so ist, wie Latosa-Escrima. Ob du nun Leie oder vom Fach bist, Schüler oder Lehrer, Anfänger oder Meister, pass auf was sie zu sagen und zu zeigen haben, es lohnt sich!

Nun das Thema Rollenspiele für ‘Frauen + WT-ChiKung’, damit kommen wir zum ersten von zwei kleinen Kritikpunkten, der mir hier gestattet sein möge. Meiner Meinung nach war es eine etwas unglückliche Entscheidung beide Kurse parallell zueinander anzubieten. Die Wahl fiel mir sehr schwer, da mich beide Themen brennend interessierten und auch beide Referenten, Sifu Roland Liebscher-Bracht und Sabine Mackrodt meine vollständige Andacht verdient hätten, so war ich sozusagen zum Spagat gezwungen.

Sifu Roland hat schon seit langen sehr bewundernswerte Impulse für den Gesundheitsaspekt an die EWTO-Ausbildung zugefügt. Doch diesmal hat er selbst mich überracht. Chi-Kung-technisch sehe ich mich schon als alten Hasen, wies mich GGM doch bereits 1992 im Privatunterricht in Hong Kong sehr intensiv in dieses Thema ein. Auch weiteres Chi-Kung Training im Seminarverband (etwa unter Sifu Siu Yuk Man) folgte im Laufe der Jahre. Die vorgestellte Neustrukturierung der eigentlich noch recht jungen EWTO-Disziplin, des WT-Chikungs, erscheint mir als ein Treffer voll auf die Zwölf! Dies in Kombination mit dem "WeeTee-Boo" sicherlich eine echte Bereicherung für das eigene WT-Unterrichtsangebot.
"FrequnChi" ist gandios. Es macht irre Spass (ausser dem Teil mit auf dem Bauch, indem beider Armen und Beine zum Himmel getreckt werden müssen, den Teil hab ich schon als Kind im Schulsport gehasst, weil ich mir dabei immer irgendwie was einklemm), fühlt sich gut an (ausser dem Teil…) und ist gesund. Sifu Liebscher-Bracht hat mit seinem Team erneut eine hervorragende Leistung gezeigt.

Aus aktuellen Anlass war ich auch sehr auf das Thema des Rollenspiels interessiert, da in Verband mit meinem Buch und momentanen Aktivitäten mit unter anderen der holländischen Bahn sehr viel mit dem Gebiet der interaktiven Kommunikation und Konfliktbewältigung (unter dem eigenen Warenzeichen CoreMunication) zu tun habe. Glücklicherweise befand ich mich in der gleichen Gruppe wie Lady-Sifu Petra Schäfer, sodass sie mir dann doch ihre Eindrücke vermitteln konnte, von dem was ich verpasste.
Es ist sicherlich ein Thema bei dem bei vielen Teilnehmern noch viel Nacholbedarf besteht; die Bedeutung der Rollenspiele wird meiner Meinung nach zu häufig unterschätzt. Vor allen der geplante Informationsaustausch zwischen Sabine und Petra verspricht einiges.

Kommen wir zum Hardcore-Bereich, ‘Vorkampf und Nachbeschauungen’, gehalten durch den ‘Bouncer’ Geoff Thomson und Karl Koch. Hier dann das zweite Kritikpünktchen: Diese beiden Legenden hätten viel mehr Zeit verdient gehabt. Es war eine ‘Ohrenweide’ diese Leute hautnah erleben zu dürfen. Persönlichkeiten die das Leben mit allen Facetten lebten.
Ich hatte bereits wärend meiner Buch-Recherchen Geoff Thomsons drei Bücher gelesen und ihn als Referenz benutzt, eine willkommene Gelegenheit also, ihn um Zustimmung zu fragen, die er mir freundlicherweise auch gab. Geoff Thomson ist ein Typ, mit dem ich gerne mal ‘einen drauf machen würde, nicht weil er kämpfen kann, sondern weil er wahrscheinlich genausogut 'abfeiern' kann.

Karl Koch ist ein ‘gentle giant’. Sein Erscheinungsbild ist imposant und doch irgendwie ‘knuddelig’, selbst ich, als PG, fühlte mich neben ihm irgenwie geborgen, ein richtiger ‘Pappa-Bär’, gutmütig - aber keineswegs harmlos. Wenn dich seine feinmodelierten Pranken (und Paradoxon zum dritten) einmal festhaben, solltest du hoffen, dass sie dich nur streicheln wollen! Seine Ruhige Art und ruhige Ausstrahlung erinnert mich an meinen Schüler ‘Sumo-Bas’, im grössten Stress strahlt er einen beruhigenden klärenden Einfluss aus, ein Charakterzug den ich überaus schätze. Ich kann mir vorstellen, dass nicht jeder mit seiner Art Humor umgehen kann, aber wer mich etwas besser kennt, weiss, dass dieser mir zusagt.

Die Abendveranstaltung schneide ich nur ganz kurz an, da dieser Erlebnisbericht sonst viel zu lang würde. Aber ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken bei allen Teilnehmern der unterschiedlichen Demoteilnhemern. Nicht nur dass die Demo’s auf höchstem Niveau stattfanden war für mich so erbaulich, sondern dass ich mich tatsächlich (zum ersten mal in meinen Leben - echt wahr!) persönlich irgendwie als V.I.P. fühlte. Klar, ich wurde schon oft als V.I.P. eingeladen mit allem drum und dran. Auch Autogramme und Fotos gebe ich immer wieder gerne, ich freu mich über das Feedback - aber ich nehme mich eigentlich gar nicht so wichtig - es sei denn die Situation erfordert dies.

Diemal war es jedoch ganz anders. Ich sass neben Petra, hatte gar nichts mit irgend einer Demovorbereitung zu tun und konnte einfach nur geniessen. Früher versuchte ich meinen Vorbilden nachzustreben und es gelang mir auch hin und wieder sie zu verblüffen.
Hier gehörte ich nun wohl zu den Vorbildern, und es gelang auch einigen ‘Nachkommen’ mich zu verblüffen.


Besonders in dem Moment als meinen drei To-Dai Roy Cordesius, 2. TG, Maurik Ros, 1. TG und Marco Dignum, 1.TG ihre Urkunden überreicht wurden, war ich sehr gerührt. Es wurde mir bewusst, dass gerade ein gewisser Generationswechsel der ‘Frontlinienkämpfer’ stattfindet; was ich jedoch während der WT-Demos sehen durfte stimmte mich optimistisch für die nächsten 25 Jahre.

Nochmals vielen Dank, eure Vorführungen hatten ihren Anteil an diesem für Lady-Sifu und mich einzigartigen Abend - das erste mal, das ich mich gerne als V.I.P. fühlte.
Um halb drei morgens ging es dann dach unten in die Disco. Da unser Hotel aus diversen Gründen fast 50 km weiter weg war, wollte ich höchstens eine halbe Stunde bleiben, nur einen Drink.
Eben die Stimmung peilen und dann weg… Nun, Mark Kühl und Sifu Jochen Stark glaubten mir nicht, kannten sie mich und Petra doch von unseren ‘wilden Cape Town-Nächten’ (nicht wahr, Sihing Christoph?). Und sie behielten recht. Ohne zuviel ins Detail gehen zu wollen kann ich sage es war mal wieder heftig.
Nun zum Grund warum ich das Highlight, die Abendveranstaltung, nicht zum Abschluss erwähne: Am nächsten morgen, also fast im Anschluss ging es nämlich weiter. Natürlich hätte ich auch schwänzen können, aber kneifen is nich!

Nach etwa 90 Minuten Schlaf ging es dann dann den körperlich und mental anspruchvollsten Teil, der praktischen Angstüberwindung. Sifu Jürgen Kestner, SEK und Huber Beitler leiteten diesen hauptsächlich praxisorientierten Kurs. Obwohl wir etwas zu spät kamen, wurden wir freundlich begrüsst. Wir könnten uns gerne hinsetzen und zuschauen, mein Körper schrie ‘Ja, tu das is doch super!’ Aber ich sagte ja bereits kneifen is nich.
So wies ich das so sehr verlockende Angebot ab und stürzte mich mit Lady-Sifu Petra und meinem Sihing Sifu Peter Maul ins ‘Schlachtgetümmel’. Mann/frau unterwirft sich dabei so wunderbaren Prozeduren, wie u.a.sich freiwillig auf den Boden zu legen und sich (den Kopf deckend) unter Tritten wieder in den Stand zu begeben, ohne dabei die Übersicht zu verlieren. Es klingt übrigens schlimmer als es ist. In Amsterdam mögen wir (wie z.B. auch in Dänemark) ein - freiwilliges - realitätsnahes Kampftraining (wie z.B. der Kreisverteidigungsmodus der im Jahre 1981 hoch im Kurs stand) was für die Ausbilder bei der starken holländischen Freefight- und Kickboxszene kein überflüssiger Luxus ist. Kurz, wir betrieben ein sehr gutes Training zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, aber ich bereue keine Minute!

Dass ich dann noch verrückt genug war um anschliessend den WT-Fitnesskurs mitgemacht habe, war eigendlich ein Missverständnis! Ich hatte gedacht, dass es sich dabei um 60 Minuten WT-ChiKung gehen würde. Und es erschien mir eine gute Idee meinem geschundenen Muskeln ein Chi-Kung-Dopeing zu verschaffen. Als dann die fetzige Musik losging wurde ich blass, oje, was hab ich getan, aber wie sagte ich schon, kneifen is nich!

Also durch, ich versuchte meine Muskel davon zu überzeugen wie sehr es nun wünschenswert wäre, hier nicht ganz ‘abzustinken’. Irgendwie hielt ich dann durch und nahm dankbar zur Kenntnis, dass nach 45 Minuten tatsächlich noch 15 Minuten WT-ChiKung drankam. Auch hier: ein Supertraining, aber ein schlechtes Timing.

Durch diese eingeschobene Trainingssession verkürzte sich die Mittagspause auf knapp 20 Minuten.

Sehr erfreut war ich auch über die Tatsache, dass die TG/PG-Gruppe dreimal von GGM Leung Ting profitieren konnte, also auch die letzten beiden Seminarblöcke am Abschlusstag des 25-Jahr-Events. Dass mein Si-Gung (der ein paar Stündchen zuvor noch in der Disco mitfeierte - auch GM Keith R. Kernspecht und Simo wurden gegen 6.00 noch gesichtet) frisch wie der ‘prächtige Frühling’ wirkte und wieder einmal ein Training der Spitzenklasse abhielt sei hier noch am Rande erwähnt. Dieser Mann ist und bleibt einfach unbeschreiblich - aber das wisst ihr ja selbst schon.

Zum Abschluss möchte ich Sifu Andreas Gross, Ina sowie dem ganzen Veranstaltungsteam danken, ihr habt ein Event der Superlative auf die Beine gestellt - und ich bilde mir ein, dies beurteilen zu können, und wenn es auch nur für mich ist.

An alle die dabei waren: es war schön das mit euch zusammen erlebt zu haben.

An alle die nicht dabei waren: Leute, ihr habt echt was unwiederbringliches verpasst!

Also verpasst nicht auch noch das 50-jährige!

Allerherzlichst,

Sifu Frank Schäfer,
EWTO-Cheftrainer Niederlande