Sumo und WingTsun

(Karate-Budo Journal 6/98)



"The three Sumoteers"

Bas Clasener, ein Schüler des holländischen Nationaltrainers für Leung Ting WingTsun, Sifu Frank Schäfer, kämpfte bereits bei internationalen Sumo-Meisterschaften. Seitdem weiß er, daß selbst in dieser Kampfsportart die Prinzipien des Original-WingTsun erfolgreich eingesetzt werden können. Und wie so etwas aussieht, erfahren Sie in dem nachfolgenden Bericht.

1997 wurde in dem holländischen Kampfkunst-Magazin "Zendokan" eine Einladung an alle Leute veröffentlicht, die daran interessiert waren, die japanische Kampfkunst Sumo kennenzulernen.
Bisher breitet sich das Sumo in den niederländischen Königreich nur langsam aus und wird lediglich von einer kleinen Gruppe von Männern und Frauen trainert. Stephen Gadd , der auch selbst in den Sumo-Ring steigt, ist Cheftrainer dieser holländischen Sumotorie. Sein Co-Trainer ist der Engländer Steve Pateman, der im Jahre 1996 den 3. Platz bei der Sumo-WM der Amateure erreichte.

Explosivität, Anmut und Technik

Nun, als Bas Clasener diese Einladung las, beschloß er nach Rücksprache mit seiner Frau, es selbst einmal mit dem Sumo zu versuchen.

Aber wie kam er überhaupt auf diese Idee? Diese Frage ist schnell beantwortet, denn Bas Clasener mag ganz einfach diesen Sport. Außerdem hat er auch Erfahrungen im Judo-Wettkampf.
Und bevor er begann, das Leung Ting-WingTsun zu trainieren, übte er regelmäßig mit Rene Cornelissen das Puklan (eine indonesische Selbstverteidigungskunst).

Das Sumo interessierte Bas Clasener vor allem wegen seiner Explosivität, Anmut und Technik. Und so ist diese japanische kunst für ihn ein reiner Sport, in dem es gilt, den anderen zu Fall zu bringen oder aus dem Ring zu drängen.
Die Kämpfer der japanischen "Basho-Turniere" sind bekanntlich alle Profis. Hier berichten wir zwar über Amateure - aber was für welche! Wir sprechen hier von großen und kräftigen Powerliftern. ehemalige Schwergewichts-Judokas und einem kleinen 105 kg schweren WingTsun-Studenten, eben jenen Bas Clasener.
Als Mittelgewicht füllte er die Lücke des früheren holländischen Champions, der zu der Zeit unglücklicherweise nicht an den Wettkämpfen teilnehmen konnte. So konnte Bas Clasener sogar an der letzten Sumo-EM in Risa teilnehmen, bei der sogar ein traditioneller Lehm-Ring aufgebaut worden war.

David gegen Goliath

Der Wettkampf bei dieser EM war sehr hitzig, und Bas Clasener kam sich mit seinen 188 cm Größe und seinem 105 kg Gewicht im Vergleich zu den anderen Kämpfern eher 'zwergenhaft' vor.
Das holländische Team konnte bei dieser Meisterschaft einige gute Erfahrungen sammeln. Allerdings konnten die eigenen Leistungen noch nicht an die Leistungen der Gewinner heranreichen. Und da das Gewinnen nicht immer das Wichtigste ist, flog man gleich anschließend noch zur Weltmeisterschaft nach Tokyo - übrigens mit einem ähnlichen Erfolg wie bei der EM.

Effectiver Nachhilfeunterricht

Als Bas Clasener aus Tokyo zurückkam berichtete er Frank Schäfer über seinen abenteuerlichen 'Seitensprung', da er dringend Hilfe benötigte, um in diesem Vollkontakt-Sport erfolgreich zu werden. Sein Sifu und dessen Frau beeindruckten ihn immer durch ihre mühelosen Bewegungen und Techniken.

Im Vergleich zu diesen Meistern fülte sich Bas Clasener schwerfällig. Aber was soll's - als 4. Schülergrad mußte er eben noch einiges lernen.
Er wurde zwar von seinem Sumo-Lehrer sehr gut in den Sumo-Techniken unterwiesen, aber als Mittelgewichtler brauchte er eben ein bißchen 'Nachhilfeunterricht'. Vor allem deswegen, weil er in der offenen Gewichtsklasse kämpfen möchte.
Nun, wenn eine Selbstverteidigungskunst wie das WingTsun auf eine Sportart wie das Sumo trifft, dann müssen einige Übereinkünfte getroffen werden, die die Effektivität des SV-Systems mindern. So sind Knie-, Ellbogen-, Fauststöße und Tritte zum Bauch nicht erlaubt. Aber auch dann bleibt immer noch genügend WingTsun übrig, um es zu nutzen.

WT-Technik gegen Sumo

Im Sumo gibt es 70 formelle Techniken, die sog. 'kimarite'. Stöße und Würfe, Kraft und Hebelkraft sind die Hauptbestandteile der Sumo-Techniken. Stellt sich natürlich die Frage, wie man da das WingTsun einsetzen kann?
Glücklicherweise akzeptierte Sifu Schäfer, mit einfachsten Mitteln nur innerhalb der Sumo-Regeln zu arbeiten. Und für Bas Clasener war es manchmal unglaublich, wie sein Sifu auch bei einer Sumo-Übung die angreifende Kraft absorbieren und gegen ihn verwenden konnte. Es war nahezu unmöglich, ihn zu greifen. Selbst dann, wenn er passiev blieb, ohne ernsthaft anzugreifen.

Heute, ein halbes Jahr später, kann Bas Clasener die ersten Verbesserungen spüren und sehen. Das ist zwar ziemlich schnell, doch trotzdem sieht sich Bas Clasener erst am Anfang. Und so wird es für ihn auch keinen 'Übernacht-Erfolg' geben, sondern weiterhin nur sehr viel WT-Training.



Tekst: EWTO