Mit den Waffen einer WT-Frau: Selbstverteidigung im Ernstfall


WingTsun Welt 15 (1993)



Petra Schäfer, I. TG aus Amsterdam hat schon 21 mal ihre WT-Kenntnissen einsetzen müssen, um sich zu verteidigen.

'Wenn ich spätabends noch alleine weggehen will, dann mach' ich das. Und wenn mir einer meine Handtasche klauen will, dann wehr' ich mich!' Petra Schäfer läßt sich nichts mehr gefallen. Sie lebt in Amsterdam, einer Stadt, in der es oft gefährlich wird, besonders für Frauen. Wer meint, in der eher kleinen, zierlichen Petra eine leichte Beute zu haben, ist selber Schuld. Das mußte leztens erst ein Taschendieb spüren, der sie sogar schon zum zweiten Mal bedrohte. 'Da hat er eben nochmals eine Ladung Kettenfauststöße gekriegt.'

Schon 21 mal brauchte Petra ihre WT-Kenntnisse, um sich zu verteidigen. Provoziert habe sie niemals eine Situation, erzählt die 26 jährige. 'Ich schlag natürlich auch nicht zu, wenn mir jemand etwas Anzügliches hinterherruft. Die Typen sind mir egal. Ich versuche auch Situationen zu vermeiden, die gefährlich werden können. Bevor ich mitten durch eine Clique komischer Typen spaziere, wechsele ich lieber die Straßenseite, das ist doch klar. Aber ich lasse nicht zu, daß mich jemand betatscht. Ich bin doch kein Stück Vieh!'

Obwohl sie einen Klaps auf den Po noch mit einer bissigen Bermerkung quittiere. Wenn der Typ aber dann nicht aufhöre, ihr nachlaufe und partout seine Finger nicht bei sich halten könne, 'dann kriegt er eben was auf die Nase'.

Ihren gefährlichsten Kampf hatte Petra Schäfer erst vor kurzem. An einer Autobahnraststätte hielt sie an, um zu pinkeln. Im Wald hatte sie gerade ihre Hose wieder hochgezogen, als ihr plötzlich ein Mann von hinten ein Messer an die Kehle setzte. "Du kommst jetzt mit", hat er gesagt. Petra versuchte zuerst geschickt, seinen Griff zu lockern,, indem sie mit ihm redete und sich dabei verstellte: 'Was soll das, warum ich, ich hab doch nichts getan...'. Als sie merkte, daß der Moment günstig war, zog sie die Schulter hoch (um sich vor dem Messer an ihrem Hals zu schützen), drehte sich blitzschnell um und zielte mit einem Fak-Sao auf den Hals des Angreifers. Kettenfauststöße, Ellenbogen und Tritte fogten. Bis der Mann liegen blieb.

Dann rannte sie zurück zum Auto. 'Ich weiß gar nicht, wie ich nach Hause gekommen bin. Ich hab' nur noch gezittert. Klar: ich weiß mich zu wehren. Aber das heißt noch lange nicht, daß ich so eine Situation ganz cool wegstecke. Aber dieser Typ, der fällt hoffentlich keine Frau mehr an.'


Immer wieder habe sie die Erfahrung gemacht, daß niemand hilft, wenn sie ein Mann bedroht. Auch nicht wenn viele Leute in der Nähe waren. Erst wenn nach einer Auseinandersetzung ihr Gegner am Boden gelegen habe, dannseien immer Menschen gekommen und fragten ob sie Hilfe brauchte. 'Wichtig ist, rechtzeitig zu reagieren. Gerade bei sexuellen Angriffen muß eine Frau schon ganz früh klarmachen, wo die Grenzen sind'.

Wenn sie zu viel mit sich machen läßt, kommt sie vielleicht in eine viele gefährlichere Situation. Und genauso wichtig dei die Konsequenz beim Kämpfen. 'Eigentlich wäre es mir auch lieber, wenn ich mit einem Schlag dem Angreifer klar machen könnte, daß er sich verziehen soll. Aber viele Täter haben heutzutage auch Waffen. Deswegen sage ich auch meinen Schülerinnen immer wieder: Ihr müßt konsequent handelen, auch wenn das brutal klingt: Der Angreifer darf sich nicht mehr wehren können. Der große Vorteil von uns Frauen ist dabei der Überraschungseffect.'

Petra Schäfer, damals noch Petra Pönack, hat vor zehn Jahren in Kassel angefangen, WT zu trainieren. 'Ich hatte damals Freunde, die mehrmals in der Woche einen weiten Weg in Kauf genommen haben, um WingTsun zu trainieren. Irgendwann hab ich dann gesagt, ich würde gerne einmal mitkommen. "Nein, nein", haben sie gesagt, "das ist nichts für Frauen, das ist viel zu brutal!" Da war ich natürlich erst recht neugierig.'

Eigentlich sei sie zuerst viel begeisterter vom Escrima als vom WT gewesen, aber da gab es im WT einen jungen Ausbilder... - Frank Schäfer war damals gerade 15 Jahre alt, heute Sifu und Cheftrainer von Holland 1988 wurde aus Petra Pönack Simo Petra Schäfer ("Simo" bedeuted "Frau des Sifu"), sie lernte Holländisch und folgte ihm nach Amsterdam. Von ihm hat sie viel gelernt, zuhause trainieren die beiden regelmäßig zusammen. Petra wurde vor kurzen die erste Technikerin der "Nederlandse WingTsun Organisatie'.

Ganz einfach sei das nicht immer gewesen, mit dem eigenen Partner zu trainieren, berichtet Petra. Es habe sogar eine Zeit gegeben, in der sie das WingTsun deswegen habe aufgeben wollen. 'Aber dann hab ich gedacht: Nein, ich beiß mich da durch. Heute sage ich: Gottseidank hab ich weitergemacht.' Sifu Frank und Simo Petra sind vollauf damit beschäftigt, WT in Holland bekannt zu machen. Petra unterrichtet auch selber.

'Das hätte ich mir früher gar nicht zugetraut. Was, habe ich gesagt, ich soll da vorne vor den Leuten stehen? Ich war früher eher ein ängstlicher Typ. Aber heute macht es mir viel Spaß.'


Und wenn ehemalige Kickboxer oder andere kampfgewohnte Männer zum Probetraining kommen, dann überläßt Sifu Frank ihr die Einführung. 'Das ist ungeheuer werbeträchtig. Natürlich glauben die Männer zuerst nicht, daß ich ihnen was anhaben kann. Dann sage ich: Okay, wenn du es nicht glaubst, dann komm, greif' mich an!
Und wenn die dann gesehen haben, wie effectiev WT ist, wenn sich eine scheinbar schwache Frau damit verteidigen kann, dann glauben sie natürlich erst recht, daß sie bei uns was lernen können.'

Simo Petra Schäfer die einmal eine reine Frauengruppe hatte, berichtet: 'Da gab es nach kurzer Zeit so Eifersüchteleien unter den Frauen. Außerdem wurde zu viel geschnattert und zu wenig trainiert. Das hat mir überhaupt nicht gepaßt, also hab ich die Gruppe wieder aufgelöst.'

Lernen Frauen anders als Männer? In ihrem eigenen Training und in ihren gemischten Gruppen ist Simo Petra aufgefallen, daß Frauen intuitiever lernen als Männer. Besonders deutlich werde das im Chi-Sao. Männer, so meint sie, lernen schematischer, Frauen dagegen "aus dem Bauch heraus".

Simo Petra weiß, daß es die meisten Frauen Überwindung kostet, sich vorzustellen, einem schon scheinbar wehrlosen Angreifer noch weitere Kettenfauststöße zu verpassen. 'Aber genau das müssen sie lernen', meint sie, 'denn sonst können sie sich nicht wirklich sicher fühlen'.

Es gibt zu wenig WT-Ausbilderinnen! Wenn Frauen zusätzliche Schulen aufmachen oder Gruppen übernehmen, dann ist das eine Bereicherung, keine Konkurrenz für die Männer. Für Neuanfängerinnen ist es glaubwürdiger, wenn eine Frau vormacht, wie sie einen Gegner überwältigt. Im WT wie in der gesamten Kampfkunst-Szene sind Frauen als Vorbilder dünn gesäht.
'Die vielgerühmten Ausnahmen von der Regel wie Linda Lee, Lucia Rijker oder Wu Mei Ling, über die hin und wieder berichtet wird, sind doch fast Alibi-Frauen!, behauptet Simo Petra Schäfer. 'Als Kämpferinnen werden sie doch von den Männern nur selten ernst genommen.' Das mag auch daran liegen, daß Frauen im allgemeinen weniger am Wettkampf liegt.
Aber wo sind die WT-Kämpferinnen, von denen Neuinteressentinnen sagen können: So gut wie die will ich auch mal werden!?



Tekst: Claudia Hildebrandtsberg